Sonntag, 26. Juli 2015

Mein erstes Jahr als Kaiserin

Heute vor einem Jahr erfüllte sich mein größter Traum.
Heute vor einem Jahr erfüllte sich ein großer Albtraum.

Seit einem Jahr bin ich die glücklichste Mutter des entzückendsten kleinen Jungen, der mit hat geboren werden können.

Seit einem Jahr bin ich ungewollte Kaiserin.

Wie habe ich diesen Schnitt gefürchtet.
Verteufelt.
Versucht, in der Schwangerschaft ALLES dafür zu tun, ihm zu entgehen.

Iko's Geburt war über 22 der insgesamt 23 Stunden eine schöne.
Am Vorabend - wir hatten kurz zuvor meine Eltern verabschiedet, die mit uns den Geburtstag meiner Mutter gefeiert hatten - löste sich der Schleimpfropf.
Kaum 2 Stunden später begannen die Wehen.

Ich war euphorisch.

Atmete, ging, stand immer mal wieder unter der Dusche.
Es war eine großartige, schöne Nacht mit stärker werdenden Wehen.
Ich spürte, wie Iko sich mit den Füßen abdrückte, hinaus wollte mit jeder Wehe.
In diesen Stunden fülten J. und ich uns zum ersten Mal greifbar als 3.
In diesen Stunden wurden wir eine Familie.

Am Morgen stellte meine Hebamme fest, dass der Muttermund nur 0,5cm geöffnet war.
- Deprimierend! Hatte ich doch mit 4 oder 5 cm gerechnet.

Ich wehte mich durch den Tag.
Es war heiß.
Ich war sooo müde.
Und ich hatte das Gefühl, es ging nicht voran.
Die Wehen kamen und gingen, doch sie brachten mir nicht mein Kind.

Am Nachmittag (Muttermund 1cm nach 17 Stunden) suchte ich meinen Belegarzt auf.
Und er bestürmte mich mit schlimmen Worten.

Geburtsstillstand.
Kein Fruchtwasser (ich hatte aber keinen Blasensprung gehabt).
Großes Kind.
Unterversorgtes Kind.
Schlechte Herztöne.
Kaiserschnitt.

"Bitte kommen Sie in einer Stunde ins Krankenhaus, damit wir operieren können".

Nebel. Tränen. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen.
Ich war paralysiert.
Das konnte, durfte nicht sein.
Ich fühlte mich so hilflos.
Gab es keinen anderen Weg?
Warum hatte er mir keinen Wehenhemmer gegeben, bevor er mich zum Sachenpacken heim schickte?
Diese Wehen!!
Verdammt noch mal.

J. war das Hirn.
Ich lief - ganz Körper - nebenher.
Er brachte mich ins Krankenhaus.
Alle hatten 1.000 Fragen.

"Was möchten Sie zum Frühstück essen?", fragte mich eine Schwester und verlangte eine Aufzählung.
"Sie meinen, nachdem Sie mir den Bauch aufreißen und mein Kind gewaltsam aus mir zerren??", hätte ich am liebsten gerufen.
Doch ich antwortete brav. Machte mit. Funktionnierte.
Und dann der nächste Schlag.

"Haben Sie etwa Wehen????", fragt mich der Narkosearzt geschockt.
Ich bejahe und frage mich, was das denn bitte für eine blöde Frage ist.
"Nee, wissen Sie, den dicken Bauch habe ich, weil ich gestern Abend einen Luftballon verschluckt habe und der Arzt eben meinte, der müsste wohl besser raus..."
Er rät mir zu einer Vollnarkose, es sei denn ich könnte garantieren, selbst unter einer Wehe vollkommen still zu sitzen.
Ich werde von einer Wehe überrollt und kann mir nicht im entferntesten vorstellen, wie stillsitzen geheh soll.
Unter Tränen stimme ich der Vollnarkose zu.
Rasur.
Blasenkatheter.
Ich hiefe mich auf den Op-Tisch.
Man desinfiziert meinen Bauch und wischt ihn mit einer Art Scheibenwischer ab.
Ich witzele darüber mit dem OP-Team.
Alles scheint wie im Film.
Das ist unmöglich die Realität.

"Es könnte sein, dass Ihnen gleich etwas schwindelig wird und sich ihre Sicht dreht".
Na vielen Dank. Das möchte ich gar nicht sehen.
Ich schließe die Augen.
Es ist Nacht.

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Ich sehe verschwommen.
Ich höre verschwommen.
Ich bin wach, realisiere ich.
Mal fühlen, ob es weh tut.
Hmmm... geht so.

MOMENT.

WO IST IKO???
J. tritt zu mir ans Bett.
In seinem Arm ein Bündel.

Iko scheint zu leben, denn er schreit.
Ich bin unendlich traurig.
"Wie schwer ist er?", flüstere ich.
"Wie groß ist er?"
J. meint, das hätte ich etwa 10x gefragt.
Direkt hintereinander.
 Ich kann mir seine Antwort einfach nicht merken.
Ich weine.
Ich fühle mich so schwach.
Ich kann mein Kind nicht richtig sehen.
Ich kann ihn nicht halten, weil meine Arme nicht machen, was ich will.

Wir haben ein Familienzimmer.
Die Schwestern betten Iko direkt zwischen uns.
Für unser Familienbett haben sie zwei Krankenhausbetten zusammengeschoben.

Zum ersten Mal kann ich ihn besser sehen.
Er liegt links von mir.
Ich muss ihn die ganze Zeit ansehen.
Am nächsten Morgen habe ich einen steifen Hals.

Morgens um 8 fordern mich die Schwestern auf, aufzustehen.
Ich fühle mich wie 125.
Noch nie war es so schwer und schmerzhaft, zu gehen.
Ich habe Angst, dass die Narbe aufreißt und meine Därme auf den Boden fallen.
Alles fühlt sich so unzuverlässig an.
Ich fordere, dass man mir den blöden Blasenkatheter abnimmt und will keine Schmerzmittel mehr.

Zwei Tage später sehe ich Iko zum ersten Mal nackt.
Ich bin unendlich traurig.
So hätte ich ihn sofort sehen müssen.
Für immer sind mir seine ersten Minuten auf dieser Welt entgangen.
Sein erster Atemzug.
Sein erster Schrei.
Sein erster Blick.

Zwei Tage später bestehe ich darauf, entlassen zu werden.
Mit jedem Tag kann ich mich besser bewegen.
Wir haben Schwierigkeiten mit dem Stillen.
Nach 2,3 Wochen haben wir es aber beide gelernt.

Ich pflege meine Narbe akribisch.
Und weine jeden Tag bei ihrem Anblick.

Ich bin wütend.
"Der Schnitt war unnötig!!", ruft eine garstige Stimme in meinem Kopf.
Ich lese und lese und lese über Kaiserschnitte.
Über negative Auswirkungen für das Kind.
Für die Mutter.

J. ist besorgt.
Wir sprechen viel, doch nichts kann mich trösten.
Die Monate gehen ins Land.
Die Narbe wird schmaler und blasser.
Ich beginne, meinem Körper wieder zu vertrauen.

Eines Tages habe ich genug von meiner Wut.
Genug von meinem Hardern mit dem Schicksal.
Ich mache einen Termin mit einer Transaktionsanalytikerin, die ich seit Jahren kenne.

Ich will den Kaiserschnitt willkommen heißen.
Ich will ihn als Ressource sehen können.
Ich will, dass er zu mir gehört.

Wir arbeiten.
Es ist anstrengend.

Neue Gedanken kommen ans Licht.
Das, was ich erlebt habe, war nicht mein Wunsch.
ABER: es war auch nicht MEINE Geburt!
Ich war nur das Instrument.
Das, was ich erleben durfte, was IKO's Geburt.
Und er ist auf SEINE Weise in diese Welt gekommen.
Ihm geht es gut damit.
Warum also sollte es mir damit schlecht gehen?

Ein Jahr ist vergangen.
Meine Narben sind verblasst.
Der Schmerz ist abgeklungen.
Seit einem Jahr bin ich Kaiserin.

Und die glücklichste Mutter der Welt.



Sollte es dir ähnlich gehen mit deinem Gebärerlebnis:
Nimm dir Zeit, zu Trauern.
In unserer Gesellschaft tun wir das viel zu wenig.
So schnell sprechen wir von Depression.
Hör auf dein Gefühl.
Weine alle Tränen, die geweint werden wollen.
Suche nach Antworten für deine Fragen - auch wenn du weißt, dass sie schmerzhaft sein können.
Lebe eine Weile mit der Wut.
Und dann, wenn der Tag kommt, an dem du das alles satt hast:
MACH DICH AUF DEN WEG.
Integriere das Erlebnis.
Nimm es an als Teil von dir.
Mache deinen Frieden und finde dein Glück.

Und:
genieße dein wundervolles Kind

 

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