Freitag, 1. April 2016

Was macht die Kriegerin, wenn sie daheim ist?

Es ist schon eine Weile her seit ich mit der liebsten Freundin regelmäßig im Zug in die Uni saß.
Auf einer dieser Fahrten - wir mussten vermutlich ein Referat halten - entstand das innere Bild von uns beiden als schwer bewaffnete Kriegerinnen auf dem Schlachtfeld.
Es war ein starkes Bild, das uns half, unseren Master mit tollen Noten abzuschließen und uns nicht entmutigen zu lassen von immer wiederkehrenden Bahnverspätungen und Seminaren, die außer einem tollen Titel deutlich weniger zu bieten hatten, als wir uns erträumten.
Es war ein Bild, das uns half, das Beste aus uns herauszuholen.

Ich bin gerne eine Kriegerin.
Einfach, weil ich gerne eine starke Frau sein möchte.
Eine Frau mit wachem Geist, aufrechtem Gang, klarer Position und dem Mut, für sich, die eigene Meinung und die Menschen und Dinge, die sie liebt, einzustehen.

Eine Frau, die an ihren Niederlagen wächst und ihre Siege mit Stolz feiert.
Die auf ihren Körper hört, auf ihre innere Stimme und bereit ist, ihre Grenzen auszudehnen, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Frau geht mit dem unerschütterlichen Glauben an das Gute voran und wenn sie eines Tages alt ist, wird ihr Gesicht gezeichnet sein vom Leben und ihr Geist erfüllt von Weisheit und Dankbarkeit für die Erfahrungen, die sie auf dieser Welt machen durfte.

Nach dem Ende meines Studiums kam diese Kriegerin ein wenig ins Straucheln.
Das neue Schlachtfeld - die Arbeitswelt - folgte anderen Regeln. Training, Analyse und gute Technik besaßen hier einen viel geringeren Wert, als zuvor an der Uni.
Die Kriegerin war verunsichert.
Und je stärker sie versuchte, ihren alten Stil aufrecht zu erhalten, umso mehr scheiterte sie.
Und eines Tages ging sie heim.
Sie musste sich erholen, die Waffen niederlegen und einen Weg finden für diese neue Herausforderung.
Sie bekam ein Kind und wurde eine überglückliche Mutter.
Der Weg ins Muttersein jedoch, gelang ihr nicht gut.
Zu verwirrt war sie, zu sehr hatte sie ihre Position verloren und als sie es am dringendsten brauchte, verweigerten ihr die Helfer auf die sie sich verlassen hatte die Unterstützung.

Die Wunden, die sie davontrug waren völlig anders, als die ihr bekannten und es schien ihr unmöglich, sich von ihnen zu erholen.
Die Verletzung saß so tief, dass sie nicht wusste, von wo aus sie mit der Heilung beginnen könnte.

Doch wie immer heilt die Zeit jede Wunde.
Das Vergangene erblasst im Angesicht einer erfüllenden Gegenwart.

Und so konnte ich vor meiner zweiten Schwangerschaft den Kaiserschnitt mit jedem verstreichenden Monat besser ertragen.
Dieses neue Baby jedoch bringt die Wunde wieder zum Vorschein.
Iko's Geburt - beziehungsweise die Tatsache, ihn nicht geboren haben zu dürfen - schmerzt noch immer.

Im Gespräch mit einer Vertrauten entdecke ich die Kriegerin wieder und bemerke: meine Kriegerin, die ist auf Konfrontation ausgelegt. Sie ist auf dem Schlachtfeld unterwegs - hat also einen klaren Feind. Unter Iko's Geburt waren die Ärzte und die Hebamme meine Feinde.
Eine ganz blöde Situation, denn auf seine Feinde angewiesen zu sein (oder das zu glauben) bringt eine Patt-Situation hervor: Ich kann nicht mit und nicht ohne euch.
Verloren habe ich dabei nicht den Kampf, sondern meine eigene Haltung.

Und so stehe ich vor der Frage: was macht denn eigentlich die Standard-Kriegerin, wenn sie zu Hause ist? Welche Alternative gibt es zum Schlachtfeld?
Brauche ich überhaupt ein Schlachtfeld, beziehungsweise, kann ich das überhaupt als Kriegshasserin, Menschenfreund und Vegetarier mit meinen Überzeugungen vereinbaren?
Kann ich natürlich nicht.

Nun sitzt also die einst so stolze, schwer bewaffnete Kriegerin daheim auf dem Sofa und fragt sich, was sie mit sich anfangen soll.
Und schließlich sieht sie ein, dass ihr das Bild eines Feindes nicht hift. Sogar, dass sie das gar nicht benötigt. Genau so, wie ihre schwere Rüstung, die sie vor der wüsten Umweld schützt und ihre Streitaxt, mit der sie gegnerische Attacken abwehrt.

Was sie braucht, ist die Konzentration auf sich sebst.
Ruhe. Fokus. Gelassenheit. Zuversicht. Und den Glauben an die eigene Kraft.
Sicher: Im Kamf hat sie das alles gehabt. Nur ist eine Schwangerschaft und eine Geburt kein Kampf.
Und ein schwerer Körperpanzer eher unpraktisch, als dienlich.
Die unbewaffnete, kampfunfähige Kriegerin fühlte sich ausgeliefert und chancenlos.
Doch genau das ist sie nicht.

Denn:
Ohne Rüstung steht es sich viel leichter.
Ohne Streitaxt in der Hand ist Raum für Gesten.
Ohne Helm auf dem Kopf wird das Gesicht sichtbar und die Sprache klarer.
Und ohne das Bild eines Gegners sehe ich mich einem anderen Menschen gegenüber stehen.
Ohne den Gedanken an einen Streit begreife ich die Situation als eine, in der zwei Menschen gemeinsam ein Ziel erreichen wollen und können.

Alles was es braucht, ist Mut, die eigene Meinung zu bekunden.
Mut, zu fragen, wenn die Position des anderen unverständlich erscheint.
Mut, den eigenen Bedürfnissen zu vertrauen und sie anderen mitzuteilen.

Anstatt zu sagen: "Du wirst mich nicht hindern!"
vielmehr zu bitten: "Hilf mir dabei, es auf meine Weise zu tun."


 Und so hoffe ich, dass der herbe Rückschlag, den der Kaiserschnitt für mich darstellt, mir hilft, dieses neue Baby auf meine Weise auf die Welt zu bringen.
Versöhnt und in gutem Kontakt mit den von mir gewählten Helfern.
Ohne Axt in der Hand. Ohne den Gedanken, eine Rüstung zu benötigen.
Sondern im Vertrauen auf mich und meine Kraft, die Situation nach meinen Bedürfnissen zu gestalten.

Damit eines Tages, wenn ich alt bin, mein Gesicht gezeichnet sein wird vom Leben und mein Geist erfüllt von Weisheit und Dankbarkeit für die Erfahrungen, die ich auf dieser Welt machen durfte.

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