Freitag, 13. Mai 2016

Schwangerschaftsansprachen

Dass ich schwanger bin, ist seit längerer Zeit nicht zu übersehen.
Denn 1. ist die Schwangerschaft mittlerweile weit fortgeschritten und 2. bekomme ich mein zweites Kind und - ja! meine Gebärmutter weiß, was ihr Job ist und macht ordentlich Platz für den kleinen Bewohner.

In der Schwangerschaft mit Iko hielten sich die Bauch-Kommentare im Rahmen, vielleicht gab es gelegentlich die ein oder andere doofe Ansprache, aber das ist irgendwie nicht so zu mir vorgedrungen. Ich erinnere mich noch, wie ich damals im Internet zufällig auf dieses Bild stieß:

When Is It Okay To Ask A Woman If She Is Pregnant? LOL! So true! #pregnantwoman #pregnancyetiquette #howtotalktopregnantwoman:  

Ich fand es ganz lustig, aber auch etwas übertrieben.
Was ist schon dabei, gefragt zu werden, ob man Schwanger sei? - Dachte ich.

In dieser Schwangerschaft geht es mir ganz anders mit den Kommentaren.
Vermutlich liegt das daran, dass ich jetzt als Angestellte arbeite und täglich mit vielen vielen Menschen eng zusammen arbeite. In meiner freiberuflichen Tätigkeit mit Iko hatte ich eher lose Kontakte und die Gespräche mit Klienten und Auftraggebern blieben sehr an der Oberfläche.

Im Moment vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufgefordert werde, in ein bestimmtes Büro zu "rollen" oder gefragt werde, ob ich mich mal "vorbeikugeln" könnte.
Ich werde darauf angesprochen, dass ich ja nicht mehr so spritzig schnell gehen würde wie sonst und immer Montags erhalte ich abschätzende Blicke verbunden mit sehr weisen Kommentaren wie:
"Der Bauch wird ja auch immer größer!" (Ach was! Woran kann das nur liegen??)
"Wann ist nochmal der Termin?"
"Bist du sicher, dass das Baby nicht gleich kommt?"
"Gut, dass Herr/Frau XY da ist. Der/die kennt sich aus, für den Fall, dass bei Ihnen gleich die Wehen losgehen."

Gerne werden auch Outfits meine kommentiert
("Die Tunika trägt aber ganz schön auf!" / "In Streifen wirkt der Bauch ja NOCH größer!").

Den Vogel abgeschossen hat aber heute eine Dame, die ich auf einer Konferenz traf.
Ich wartete noch in einer Gruppe stehend auf eine Kollegin, damit wir gemeinsam aufbrechen könnten. Besagte Dame kam auf mich zu und fragte: "Du bist doch schwanger und hast nicht einfach nur 15 Kilo zugenommen oder?" Ich war sprachlos und bejahte ersteres.
"Na dann herzlichen Glückwunsch schon mal. Hast du das eigentlich mit dem Auftraggeber abgeklärt? Ich meine, sind die damit einverstanden? Es ist ja gegen das Konzept, dass unsere Teilnehmer den Pädagogen wechseln müssen. Was passiert denn jetzt mit deinen Teilnehmern?"

"Also, ich hatte nicht vor, die mit in den Kreißsaal zu nehmen", antwortete ich und erläuterte, dass zwei Kollegen meine Teilnehmer übernehmen würden.
Mal ehrlich: IST DAS ZU GLAUBEN?!?!

Vielleicht hätte ich noch ergänzen sollen: "Also eine Schwangerschaft in unserer Position geht nur mit Ausnahmeregelung. Du musst erst einen Antrag stellen. Das ist das Formular "S-ok?", zu finden im System unter "Bitte-Bitte". Die Bearbeitung dauert in der Regel etwa 6 Monate. Wenn es dann gerade mit den Teilnehmerzahlen passt und du dich immer vorbildlich verhalten hast, bekommst du eine Ausnahmeregelung unter Vorbehalt, die für 2 Monate gilt, innerhalb derer du dann schwanger werden darfst...
Irgendsowas in der Art.

Als ich hinterher mit meinen Kollegen darüber sprach waren wir uns alle einig, dass wir kaum glauben konnten, dass alle diese Fragen völlig ernst gemeint waren.

Ehrlich. ich zähle die Tage (es sind nur noch 6!!), bis mein Urlaub beginnt, an den sich lückenlos der Mutterschutz anschließt, einfach weil ich diese Kommentare nicht mehr hören kann. Sie kommen mir auf beiden Seiten zu den Ohren heraus, denn ich finde sie weder nett, noch mitfühlend, noch interessiert, noch positiv und sowieso in keiner Weise hilfreich.

Unschwangere Menschen sprechen wir in der Regel nicht ständig auf ihre Körperform an - es sei denn sie haben krass abgenommen und wir kennen den Menschen gut genug, um vermuten zu können, dass dieser Gewichtsverlust geplant und somit ein toller Erfolg war.
Unschwangere Menschen lassen wir in Ruhe. Wir sagen ihnen auch nicht, wann welche Klamotten auftragen, wohl aber, wenn wir finden, dass sie toll aussehen.

Und vor allem: Unschwangeren Menschen lassen wir in der Regel ihre Privatsphäre.
Wir kommentieren nicht ihr Lauftempo und die Art, wie sie gehen, wir lassen sie einfach Laufen.

Aber kaum trägt eine Frau ein Kind unterm Herzen, gelten alle diese Umgangsformen nicht mehr.
Da darf gefeuert werden, was das Zeug hält - der Bauch ist ja einfach eine so einladende Zielscheibe!

Ich habe das Gefühl, als Schwangere zeitweise für ein grünes Männchen gehalten zu werden. Ihr wisst schon - unbekannte Lebensformen, Marsmenschen zu Besuch auf der Erde in unbekannter Mission.
Schwangerschaft ist ein Sonderfall, kein normales Erscheinungsbild mehr.
Das überfordert die Leute, damit werden sie nicht fertig.
- jedenfalls kommt es mir so vor und das finde ich bedauerlich.

Gerne möchte ich daher fordern: Bekommt mehr Babys, damit Schwangerschaft wieder als normal angesehen wird.

Da das aber nicht geht, so wünschte ich mir doch wenigstens mehr Feingefühl im Umgang miteinander. Weniger Impertinenz (meint: weniger Unverschämtheit/Frechheit) und mehr höfliche Zurückhaltung.

Und wer sich nicht sicher ist, ob er jetzt was sagen darf oder nicht - im Zweifelsfall:

https://erzaehlmirnix.files.wordpress.com/2012/06/einfach-mal-die-kresse-halten.jpg

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